OkCupid

Online-Dating – dritter Versuch. Damit es diesmal klappt, werde ich zunächst Generation Wisch konsultieren. (»links gehen, rechts stehen« … was für mich nach Rolltreppen klingt, ist für sie Tinder.)

Als erste fällt mir meine jüngste Schwester ein. Ich zeige ihr mein Profil und sie nickt anerkennend, hat lediglich zwei Kritikpunkte: Zum einen die Fotos; da gäbe es schönere von mir. Zum anderen der Satz, ich hätte »bei der Europawahl halb aus Mitleid, halb aus Überzeugung die SPD gewählt«; der müsse unbedingt raus. Ich bedanke mich … und schlage beide Vorschläge in den Wind. Fotos sind überbewertet. Und das mit der SPD kommt sicherlich voll süß.

Die zweite Person, an die ich mich wende, ist eine Arbeitskollegin. Von ihr erhoffe ich mir eher allgemeinen Rat. Und tatsächlich hat sie mir etwas mitzugeben: »Denk immer daran, Simon, der Grat zwischen süß und weird ist ziemlich schmal.« Das werde ich beherzigen. Den Satz mit der SPD streiche ich.

Jetzt ist es also so weit. Ich stürze mich erneut in die Flut Berliner Single-Frauen. Die Badeaufsicht heute heißt OkCupid, benannt nach Cupido alias Amor, dem Gott des Sich-Verliebens.

Erstes Fundstück: »I believe in a long-term relationship because happiness is not the only thing in life!« Diesen bemerkenswerten Aphorismus muss ich fünfmal lesen … um ihn am Ende immer noch nicht zu verstehen. Ein ungutes Gefühl beschleicht mich, und ich glaube, es ist besser, sich der nächsten Frau zuzuwenden.

Diesmal habe ich Glück. »Ich liebe es vorzulesen.« Das klingt sympathisch. Soll ich sie anschreiben? Ja. Nein. Ja. Nein. Ja. Nein. Verdammt, gibt Dir nen Ruck! Und so tippe ich meine erste OkCupid-Nachricht: »Du liest gern vor und ich bekomme gern vorgelesen – was für ein schöner Zufall!« Das ist natürlich kitschig, kann aber noch getoppt werden: »Welches Buch liegt zurzeit auf Deinem Nachttisch?« Unverblümt aufs Bett referenziert. Ha! Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Nachricht abgeschickt … und schon überkommen mich die ersten Zweifel. Doch für eine Richtigstellung ist es zu spät. Das OkCupid-Regelwerk sieht vor, dass ich erst wieder schreiben darf, nachdem die Frau geantwortet hat – was in diesem Fall wohl eher unwahrscheinlich ist. Umso überraschter bin ich am nächsten Morgen: »Hi, Simon! Auf dem Nachttisch liegt eine Biografie des jungen Stalin. Darf ich dir daraus vorlesen?« Merke: Der Grat zwischen Wissensdurst und Sexualpräferenz ist ebenfalls ziemlich schmal.

Die nächsten zwei Tage vergehen ereignislos. Dann plötzlich: Fssssss … pfft! Cupidos Pfeil trifft mich mitten ins Herz. Vor mir strahlt: Dina! Meinen Buhlbrief zu verfassen, kostet mich eine Ewigkeit. Am Ende sind es lediglich vier Sätze. Die aber sitzen – und eine Antwort von Dina scheint mir so gut wie sicher. Als ich jedoch drei Tage später noch immer nichts von ihr gehört habe, frage ich mich, ob Dina mir vielleicht die Anrede übelgenommen hat. In der ganzen Aufregung hatte ich begonnen mit: »Hallo Dana!«