Wort-Ohrwurm

»Fick dich, du Muschiloch!« schimpft die 9-jährige Benni im Film Systemsprenger.

Na, na, na, mahnte F., Muschiloch sei doch kein Schimpfwort. Und überhaupt, wenn schon, denn schon, müsse es Vulva heißen. Wenn F. im vergangenen Jahr etwas gelernt hatte, dann das. Einen regelrechten Vulva-Hype hatte es gegeben. Endlich müsse die Scham überwunden und »das da unten« beim Namen genannt werden. Viva la Vulva!

Oder meinte Benni gar nicht die Vulva, sondern ganz bewusst das Muschiloch? Wenn man ein Loch vollständig isoliert betrachte, also nur das Loch als solches, ohne den ihn umgebenden Rand, philosophierte F., dann sei das Loch gleichbedeutend mit: Nichts! Und »Fick dich, du Nichts!« war eine völlig korrekte Beleidigung.

Und was meinte wohl die Frau, die neulich am anderen Ende des U-Bahn-Wagons »SCHEIDE! SCHEI-DÉ!« ins Handy schrie? F. wollte bereits aufstehen, um die Telefonierende aufzuklären: »Hören Sie. Wenn Sie die Gesamtheit der äußeren weiblichen Geschlechtsorgane meinen, dann muss es Vulva heißen. Die Scheide ist lediglich der Behälter, in den man das Schwert schiebt. Eine sehr frauenfeindliche Bezeichnung.« Er hatte mit dem Dozieren noch nicht begonnen, da schnappte er weitere Wortfetzen auf: još uvek kupujem mleko … oder so ähnlich. Das klang nicht nach Deutsch. Eher Balkan. Also hatte vermutlich auch diese Frau nicht von einer Vulva sprechen wollen. Sein neues Wissen erschien F. plötzlich unnütz. Niemanden konnte er beeindrucken. Stattdessen hatte er sich einen Wort-Ohrwurm eingefangen: Schei-dé.

Für einen anderen Ohrwurm sorgte zwei Tage später ein Lkw, der vor dem chinesischen Restaurant Happy Garten parkte. Der Wagen trug den Slogan eines Lebensmittelgroßhändlers aus Unna: »Food ist unser Business.« Was für ein Satz. F. erwischte sich dabei, wie er ihn auf dem Fahrrad, im Büro und unter der Dusche vor sich hin murmelte: Food ist unser Business. Oft genug versprach er sich: Food is our Business. Dann ärgerte er sich kurz und versuchte es erneut.

Einen dritten Ohrwurm hatte F. seinem Kollegen zu verdanken. Einem durchaus kompetenten Kollegen, muss man hinzufügen. Doch gelegentlich war auch er ratlos. Dann pflegte er zu sagen: »Ich weiß nicht; ist auch ein bisschen egal.« Diese immer gleiche Formulierung trieb F. in den Wahnsinn. Nie hatte er sich gefragt, ob man Unkenntnis und Indifferenz in einem Wort zusammenfassen könne. Nun hatte er trotzdem die Antwort: Man kann. Ichweißnichtistaucheinbisschenegal. Jedes Mal, wenn der Kollege sich auf diese Art offenbarte, musste F. an sich halten, ihn nicht anzubrüllen: »Nur weil du‘s nicht weißt, ist es noch lange nicht egal! Auch nicht ein bisschen, Du Muschiloch!«