Berlinale 2019

Tag 1

Während sich die Überschriftenschmierer von Relotius Online (»Berlinale 2019 – Fehlstart mit Sozialschmonzette«) mal wieder als Cheffeuilletonisten gerieren (dabei jedoch eher an Sportreporter erinnern), sitze ich entspannt beim Barbier und lasse mich für die kommenden zehn Tage aufhübschen. »Berlinale 2019 – Traumstart mit messerscharfer Bartkontur«

Tag 2

Ich beginne meine Berlinale mit einer dokumentarischen Vater-Sohn-Beziehung. Zwölf Jahre lang wackelte Regisseur Omar Shargawi mit seiner Handkamera über die Gesichter seiner arabisch-dänischen Familie. Verdichtet auf 77 Minuten geht er der Frage nach, inwiefern die Vertreibung seines Vaters aus Palästina auch ihn, den in Dänemark, von einer dänischen Mutter geborenen Sohn geprägt hat. Auffallend: Noch vor zehn Jahren gab es unter Western Arabs – zumindest im Umfeld von Shargawi – eine klare Präferenz für die ehrlichste aller Haupthaarlösungen: die Glatze. Was für eine ästhetische Wohltat bei all den Hitler-Jugend-Undercuts von heute.

Tag 3

Samstagfrüh, neun Uhr dreißig. Auf der Leinwand im Friedrichstadtpalast schreit und flucht und schlägt und spuckt die 9-jährige Bernadette, genannt Benni. Keine zehn Minuten ist es her, dass meine Sitznachbarin ins Handy gesprochen hat, sie schaue sich gleich den Film »Systemsprinkler« an. Jetzt wünsche ich mir, sie hätte recht und Benni sei ein Sprinkler, würde ihre Wutausbrüche wohldosieren, und wenn man genug hat, schaltet man sie aus. Doch dieses Mädchen lässt sich nicht ausschalten. Von niemandem. Benni ist ein – so der korrekte Filmtitel – Systemsprenger. Zwischen Wohngruppen, Pflegeeltern und Psychiatrien wird sie hin und her geschoben, und am Ende dieses ganz und gar erstaunlichen Films sagt ihre Mutter den traurigen Satz: »Wie soll ich denn mit ihr klarkommen, wenn selbst die Profis scheitern.« Vollkommen fertig mit den Nerven fahre ich nach 118 Minuten zurück nach Hause, getröstet nur von der Gewissheit, gerade den diesjährigen Gewinnerfilm gesehen zu haben. Da bin ich mir sicher!

Nach einem derart emotionalen Vormittag finde ich am Abend nicht mehr die Kraft, mich auch von Grâce à Dieu ergreifen zu lassen. François Ozons Film über einen sehr aktuellen Missbrauchsskandal in der Diözese Lyon (Skandal, weil Missbrauch, aber auch – es wird niemanden überraschen – Skandal, weil Vertuschung) zeigt in den stärksten Momenten die perfide Verschleppungsstrategie einzelner Bischöfe, erinnert mich in Ausstattung und Bildsprache aber leider zu oft an Margarinewerbung. Hier hätte Ozon seinen Swimming-Pool-Hochglanz etwas sparsamer dosieren können. Doch vielleicht gehen in Frankreich Familien mit ihren fünf Kindern zwischen 6 und 17 ja wirklich sonntags gemeinsam und in Polohemden auf den Spielplatz. Kann schon sein.

Tag 4

Die Berliner Zeitung nennt den österreichischen Wettbewerbsfilm Der Boden unter den Füßen einen »totalen Flop«. Hauptkritikpunkt: Die Regisseurin würde die psychische Erkrankung von Conny (zum wiederholten Male in der Geschlossenen) missbrauchen, um zu ihrer Schwester Lola (ultra high performende Unternehmensberaterin) am anderen Ende der Daseinsskala den maximalen Gegensatz zu schaffen. Ach komm schon, Berliner Zeitung! Von zwei ungleichen Schwestern zu erzählen, ist vollkommen legitim. Ich habe den Film gerne gesehen. Allerdings … je länger ich drüber nachdenke, desto mehr muss ich der Kritik zustimmen. Bei Lichte betrachtet handelt die Geschichte nämlich nicht gleichberechtigt von Conny und Lola, sondern nur von Lola, der um die Welt jettenden Beraterin, die Arbeit hat für drei und jetzt – in Gestalt einer schizophrenen Schwester – auch noch leidige Familienangelegenheiten. Das gab es vor drei Jahren mit dem Europäischen-Filmpreis-Gewinner »Toni Erdmann« schon einmal überzeugender.

Tag 5

Petrunija, die arbeitslose Historikerin, zu der an diesem Tag bisher alle scheiße waren, gerät auf ihrem Heimweg in die Dreikönigsprozession ihrer mazedonischen Heimatstadt. Wie jedes Jahr findet die Veranstaltung ihren Höhepunkt im Wurf eines kleinen Holzkreuzes in den reißenden Fluss, an dessen Ufer zahlreiche junge Männer in Badehose stehen, bereit, sich in die eiskalten Fluten zu stürzen, jeder mit dem Ziel, das Kreuz als erster zu erreichen. Dem Sieger winkt ein Jahr voller Glück. Und einer Siegerin? »Auch Glück!« denkt sich Petrunija, springt in Kleid und Jacke in den Fluss … und kriegt das Kreuz als erste zu fassen. Ein Skandal, dass eine Frau die Tradition bricht, finden die einen. Ein Skandal, dass es ein Skandal ist, die anderen. Die restlichen 80 Filmminuten zeigen, wie die »Schuldfrage« verhandelt und Petrunijas spontaner Sprung ins Eiswasser umgedeutet wird zu einem Akt des Aufbegehrens gegen Kirche und Patriarchat. Das Ganze ziemlich unterhaltsam. Teilweise gibt es Szenenapplaus (was ich immer einigermaßen affig finde). Hätte God Exists, Her Name Is Petrunija ein klein wenig mehr Tempo, eine etwas mutigere Erzählform und vielleicht im Drehbuch ein, zwei Schlenker mehr, er hätte das Zeug zum Kultfilm. Aber auch so gilt: sehr sehenswert!

Tag 6

Gestern habe ich Mid90s gesehen. »Das ist doch der Film von Jonah Hill!« Meine mid90s geborene Kollegin war ganz aufgeregt. Mir sagte Jonah Hill nichts. Ich hatte den Film gewählt (a) wegen des Titels, (b) wegen des im Programmheft abgedruckten Fotos, das fünf Jugendliche mit Skateboards zeigt, und (c) in der Hoffnung auf HipHop. Ich wurde nicht enttäuscht. Es gab 90er satt. So ganz unbeschwert Kopfnicken konnte man allerdings nicht. Wenn sich zum Beispiel der schwer-zu-schätzen-wie-alte Stevie bei Ruben dafür bedankt, ihm für 40 Dollar ein altes Skateboard abkaufen zu dürfen, Ruben ihn zurechtweist, Dankesagen sei schwul, und Stevie begreift, dass in seiner neuen Clique Schwulsein das Gegenteil von Coolsein ist, und er fortan jedes Danke, das ihm auf der Zunge liegt, herunterschluckt, man also miterlebt, wie hier jemand im Eiltempo seine Kindheit hinter sich lässt, dann wird man schon etwas wehmütig. Es ist halt ein echter Coming-of-Age-Film. Und zwar ein guter.

Tag 7

Mir wurde ganz schwindlig, als ich im Programm las, dass David Schalko den Klassiker schlechthin als Mini-Serie adaptiert hat: M – Eine Stadt sucht einen Mörder. Im Fritz-Lang-Original mit dem unvergleichlichen Peter Lorre (»ABER ICH KANN DOCH NICHTS … DAFÜR!«), in der Neuverfilmung mit dem ebenso unvergleichlichen Lars Eidinger. Voller Aufregung sitze ich also im Kino, fiebere den ersten zwei von sechs Folgen entgegen … und werde enttäuscht. Sicher, es gibt sie wieder, diese überzeichneten Figuren, die in Studiokulissen gekünstelte Dialoge führen – halt das, wofür man den Österreicher Schalko liebt, weil man sich als sozialliberaler Akademiker beim Gucken dem deppertern Durchschnittszuschauer, der schon nach drei Minuten abschaltet, so herrlich überlegen vorkommen kann. In »M« jedoch wird das Artifizielle immer wieder durchbrochen von realistisch-naturalistischen Szenen, dass man fast schon glaubt, man säße in einem Andreas-Dresen-Film. Das eine wie das andere ist gut, aber die Mischung überzeugt mich nicht. Noch nicht! Kommenden Mittwoch und Freitag laufen die restlichen vier Episoden im ORF. Werde ich also nach Wien fahren und dem neuen Schalko eine zweite Chance geben.

Tag 8

Im Berlinale-Programm las ich den Satz »Fukuoka ist ein amüsanter Film über das Loslassenkönnen.« Ich möchte hinzufügen: und ein inspirierender! Denn nach 45 Filmminuten verstand ich »Stimmt, man muss auch mal loslassen können«, verließ den Kinosaal und nutzte die gewonnene Zeit, um über das Wort »amüsant« nachzudenken.

Tag 9

Gleich zwei Filme aus China mussten auf der Berlinale in diesem Jahr abgesagt werden. Der Jugendfilm »Better Days« von Derek Kwok-cheung Tsang und der Wettbewerbsbeitrag »One Second« von Zhang Yimou. Beide Filme befänden sich noch in der Postproduktion. Das Wort »Postproduktion«, muss man wissen, ist Mandarin und bedeutet übersetzt so viel wie »Was Xi Jinping nicht mag, das gibt es nicht.« Und was Xi Jinping, Chinas Staatspräsident, ganz besonders wenig mag, sind Gesellschaftskritik und Stochern in alten Kulturrevolutionswunden. Mein gestriger Berlinale-Tag sah dann also so aus: zum Potsdamer Platz fahren, die Karten für One Second zurückgeben, nach Hause fahren.

Tag 10

Auch am Samstag war ich nicht im Kino. Ersatzweise habe ich mich an Kino erinnert – und zwar an die Premiere von Einer nach dem anderen auf der Berlinale vor fünf Jahren. Der Film spielt in Norwegen. Es geht um Schnee. Schnee-Schnee und Koks-Schnee. Das Kaminfeuer knistert, der Pullover flauscht, der Vollbart rauscht und der Drogenmarkt ist einmütig zwischen einer norwegischen und einer serbischen Bande aufgeteilt. Alle sind glücklich und gemütlich … bis ein dummes Missverständnis das Morden in Gang setzt. »Einer nach dem anderen« (Originaltitel: Kraftidioten) ist eine schneeweiße, schwarzhumorige, blutrottriefende Komödie, an die ich gestern denken musste, nicht weil in anderthalb Wochen mit »Hard Powder« völlig unnötig ein amerikanisches Remake in die Kinos kommt, sondern weil der serbische Mafiaboss, den alle nur »Papa« nennen und in dessen Serbisch sich immer wieder deutsche Wörter einschleichen, großartig gespielt wird von Bruno Ganz. In der Nacht zu Samstag ist er im Alter von 77 Jahren gestorben.

Tag 11

Gestern ging die Berlinale zu Ende. Zum Abschluss gab es Öndög mit Sex bei minus 30 Grad in der mongolischen Steppe (Schulnote 2), Donuts von Brammibal (Schulnote 1), La paranza dei bambini über die fatalen Folgen der größten aller irdischen Lieben, der zwischen einer italienischen Mutter und ihrem Sohn (Schulnote 1), Weitermachen Sanssouci über das Evaluieren von Evaluationen von Forschungsanträgen an einer Berliner Universität (Schulnote 4) und Hummus von Kanaan (Schulnote 1). Summa summarum ein guter letzter Tag einer summa summarum guten letzten Dieter-Kosslick-Berlinale.