Vision

»In was für einer Welt leben wir?« F. war entsetzt. Nur eins von vier neuen Paaren in seinem Freundeskreis hatte sich im Internet kennengelernt. Die drei anderen hatte das reale Leben verkuppelt. Warum sich seine Freunde einem derartigen Risiko aussetzten, war F. unbegreiflich. Wo lernte man sich außerhalb des weltweiten Gewebes überhaupt kennen? Er konnte nur mutmaßen: in Menschenansammlungen. Sprich: auf Hochzeiten.

Doch Hochzeiten waren, das wusste F., Blendwerk. Auf Hochzeiten gab man sich spendabel, auf Hochzeiten tanzte man, auf Hochzeiten sah man gut aus. Alles Fassade. Ganz anders im Internet, diesem Hort der Aufrichtigkeit. Hier musste man nichts verstecken – »Ich steh auf AnnenMayKantereit.« – und fand trotzdem jemanden.

Noch ein zweiter Ort kam F. in den Sinn, an dem man verlässlich auf viele Menschen traf: die Arbeit.

Garantiert lag unter den Kolleginnen und Kollegen einiges an boyfriend und girlfriend material verborgen. Die Förderung indes gestaltete sich schwierig. Denn in der Regel verließ man seinen Schreibtisch nur für eine halbe Stunde am Tag – um in die Kantine zu gehen. Dort saß man dann mit den immer gleichen Kollegen und drehte sich ums immer gleiche Thema: das Wochenende. Donnerstags und freitags schaute man voraus, montags und dienstags zurück, mittwochs mal so, mal so. Beharrlich versuchten die Kollegen, aus einem herauszuquetschen, was man selbst seiner Mutter verschwieg. »Und du so am Wochenende?« war das Frage gewordene waterboarding.

F. zum Beispiel hatte am vorletzten Wochenende an einer Neumond-Meditation teilgenommen. Seine Frau hatte ihm die Veranstaltung zu Weihnachten geschenkt. Sie war dabei, als er – in Anwesenheit zehn anderer Frauen – von einem Zimmer im Prenzlauer Berg aus eine Leiter in sein Herz hinabstieg, dort Schubladen mit Aufschriften wie »Beziehungen 2019« oder »Beschäftigung 2019« vorfand, sie öffnete und … eine Vision erlebte! Ja, eine Vision.

F. wäre vor Scham gestorben, wenn das seine Kollegen erführen. Da blieb er lieber bei seiner Standardantwort: »War’n ruhiges Wochenende gewesen. Nichts besonderes.« Ganz anders im Internet, diesem Hort der Romantik. Hier ließ sich mit jeder Geschichte punkten. »Ich hatte gestern die Vision, wie ich in meinem Herz eine Schublade öffne … und darin lag … ein Foto von uns beiden!«

Swipe right.