In deutschen Bergseen

In der Nacht zu Montag hatte F. geträumt, sein Sandkastenfreund habe einen Bildband mit dem Titel »Große Tiere in kleinen Bergseen« veröffentlicht. Jedes Foto zeigt ihn auf einer delphingroßen Garnele reitend. Solche Tiere hatte man zuvor noch nie gesehen. Und nun sollten sie alle auf einen Schlag von einer einzigen Person entdeckt worden sein? F. begann, Zweifel zu hegen.

Am Morgen tippte er sie in sein Telefon und erhielt whatsappwendend Antwort: »Das war kein Traum. Diese Seen sind sehr tief und es leben auch kaum mehr als zehn Garnelen in einem See. Sie kommen selten an die Oberfläche, einfach weil sie unten feststecken. Was viele nicht wissen, ich habe jede Garnele, auf der ich geritten bin, geräuchert und gegessen. Das wird aber ein Kochbuch und ist noch nicht veröffentlicht.« Die Nachricht kam ohne Smileys aus. Sie musste also stimmen.

Derart alexandervonhumboldt schrieben sich F. und sein Kumpel freilich selten. Meistens stand die geteilte Leidenschaft des Obstanbaus im Mittelpunkt ihrer Korrespondenz: »Die Champagnerrenetteäpfel waren lecker. Sehr klein und sehr wenige, aber sehr lecker.« – »So klein wie zwei kleine Brüste?« – »Nein, nur die Nippel von zwei kleinen Brüsten.«

Beide Unterhaltungen erzählen Altbekanntes: Dass sich – aus entwicklungspsychologischer Sicht – nach den ersten zwölf Jahren im Leben eines Mannes kaum mehr etwas tut. Und dass man im Deutschen spielendleicht lange Wörter bilden kann. Champagnerrenetteäpfel zum Beispiel. Oder Bergseegarnele. Man hängt drei Substantive aneinander. So simpel.

Die Fallstricke der deutschen Sprache liegen woanders. Zum Beispiel im Nominativ. Neulich im S-Bahnhof las F. das Geschmiere:

»Antifa-Linken sind die Nazis und nicht wir Deutschen«

Er zückte seinen roten Edding und strich das n in Linken und das n in Deutschen. So viel Ordnung musste sein.

In der Bahn wurde er unsicher. Wäre statt »Antifa-Linke« vielleicht »Die Antifa-Linken« besser gewesen? Das schien F. eher eine inhaltliche Frage. Und wie verhielt es sich mit »wir Deutsche«? War »wir Deutschen« möglicherweise doch korrekt?

Im Büro angekommen holte F. den Duden aus dem Regal und las, dass beides möglich war: »wir Deutsche« und »wir Deutschen«. Eine der Formen war die sogenannte starke, die andere die schwache. Die Zuordnung jedoch hatte F. nach dem Lesen sofort wieder vergessen. Waren wir Deutsche stark oder waren wir Deutsche schwach?

F. nahm sich vor, politischen Themen zukünftig mehr Aufmerksamkeit zu schenken – statt immer nur zu träumen.