Du und Sie

»Du, F.?« – »Ja, du, was gibt’s?«

In der Kollegenschaft wurde geduzt. Ausnahmslos und ungefragt. Selbst freiberufliche Mitarbeiter duzte man. Mehr noch, sie wurden regelrecht verhätschelt. Bevor man zum Hörer griff und ihre Nummer wählte, zog man sich die Samthandschuhe über. Und dann: »Du, lieber Sascha, wir wollten mal vorsichtig anfragen, ob du uns das fehlende Foto vielleicht bis Ende des Monats schicken könntest. – Wie? Das klappt nicht? Du, kein Problem, du, dann bringen wir das Produkt später auf den Markt.« F. war baff. Seine Gedanken tippten drei Edvard-Munch-Emojis.

Natürlich war den Kollegen bewusst, dass sie in ihrer Rolle als Bittsteller nicht weit kamen. Doch was sollten sie tun? Das Du hatte ihnen die Hände gebunden. Du sagte man zu Freunden. Du kam von duldsam. Denn duldsam wurde unter Duzenden und Geduzten auch ein »nein« hingenommen.

Ganz anders das Sie. Vor Jahren hatte F. in der Wiener Bim einen Mann zum anderen sagen hören: »Sie Schafkopf, Sie!« Diese Aussage war unmissverständlich, und dank des doppelten Sie trotzdem manierlich. F. nahm sich vor, Sascha gegenüber genau diesen Tonfall anzuschlagen: direkt, siezend und, wenn es sein musste, mit einer Prise Wiener Schmäh.

Sascha roch den Braten und versuchte, F. zu zermürben, indem er seine anständig mit »Lieber Herr F.« eröffneten E-Mails mit einem saloppen »VG Sascha« schloss. Unterdessen blieb auch F. hellwach – und konsequent beim Sie. Um ganz sicher zu gehen, hatte er unter seine letzte Nachricht ein Postskriptum gesetzt: »Sie müssen übrigens wissen, ich bin ein Freund des Siezens.« Auf Sascha machte das wenig Eindruck. Er konterte: »Lieber Herr F., meinten Sie wirklich ein Freund? Vielleicht wollten Sie kein Freund schreiben? VG Sascha«

Sie kam von siegen. Doch dieser Kampf war noch lange nicht ausgefochten.