BS #11: Alles gut

Die Tränen des Abschieds aus Braunschweig waren kaum getrocknet, da fand sich F. in der Berliner S-Bahn wieder, auf seiner ersten Fahrt zur neuen Arbeitsstelle. Die Idee, an diesem Morgen die S1 zu nehmen, war auch ein paar anderen Menschen gekommen. Der Zug komplett ausverkauft. Umso unangenehmer war es F., dass sein Fahrrad gleich drei Stehplätze in Beschlag nahm. Also galt es, die Mitreisenden um Verzeihung zu bitten. F. hätte Sätze sagen können wie »Da, wo ich aussteige, fährt leider kein Bus.« oder »Ich habe extra ein Fahrradticket gelöst.« oder »Das Rad habe ich neulich erst geputzt.« (In Wahrheit hatte er es putzen lassen.) Da er jedoch ahnte, welche Antwort er auf jede seiner Entschuldigungen zu hören bekommen hätte, unterließ er es.

Man hätte ihm nämlich geantwortet: »Alles gut.« Und »alles gut« nervte F. Seit ungefähr drei Jahren, so schien ihm, war ständig »alles gut«. Sitzt die Dame mit ihrer weißen Jeans in der S-Bahn, lehnt der Nachbar ihr den Hinterreifen seines Fahrrads ans Knie und möchte sie brüllen: »Nimm gefälligst dein Rad von meiner Hose! MeToo, Du Pisser!«, ja selbst in solchen Situationen sagt man heutzutage: »Alles gut.« Die Bedeutung ist selbstverständlich die gleiche. Wobei die Vorteile von »alles gut« auf der Hand liegen. Erstens handelt es sich um die deutlich kürzere Form. Nicht einmal ein Verb braucht sie. Und sogar F., der alte Fingerklaus, könnte sie – wenn er nur wollte – in unter zehn Sekunden in sein Handy tippen. Zweitens ist »alles gut« eine erste (zaghafte) Näherung an das, wofür wir die Briten am meisten bewundern: ihr Understatement.

Nach dieser messerscharfen Analyse fühlte sich F. erleichtert. Lange genug hatte er in dem Glauben gelebt, er sei der einzige, bei dem nicht alles gut sei. Genaugenommen war nämlich gar nichts gut. Insbesondere nicht an seinem ersten Arbeitstag. Irgendwie war durchgesickert, dass er zuletzt in Braunschweig gewohnt hatte. Die neuen Kolleginnen und Kollegen starrten ihn mit einer Mischung aus Mitleid und Ekel an, als wäre er ein Crystal-Konsument, dem just in diesem Moment der nächste Zahn ausfällt. Um das Braunschweig-Stigma möglichst lang sichtbar zu halten, schenkten sie ihm zum Einstand mit den Worten »Wenn sie dir nicht gefällt, musst du sie natürlich nicht benutzen.« diese Tasse:

Tasse

Zum ersten Mal in seinem Leben hörte F. sich sagen: »Alles gut.«