BS #10: Ende

Die linke Hand hält eine Scheibe Nichts, die rechte Hand schmiert Butter drauf.

F. war sofort klar: »Hier fehlt einfach was.« Dasselbe müssen sich die Menschen gedacht haben, die das Plakat in Auftrag gaben. »Ohne uns fehlt einfach was« übertitelten sie das Bild, und mit »Ihre Braunschweiger Landwirte« unterschrieben sie es. F. triumphierte. Schon immer hatte er geahnt, dass Braunschweig nicht mehr und nicht weniger war als ein großer Bauernhof. »Ihre Braunschweiger Landwirte« erbrachten nun den endgültigen Beweis. Jauche und Urbanität vertragen sich halt nicht.

»Kann es sein, dass du dich überhaupt nicht auf diese Stadt einlassen willst?« fragte ihn seine Nachbarin. Wie sie denn auf diese Idee käme, gab sich F. ahnungslos. Die Nachbarin half seinem Gedächtnis auf die Sprünge: Vor ungefähr zwei Wochen habe er jedem die Geschichte vom gaußschen Geburtshaus aufs Brot geschmiert wie sonst nur Braunschweiger Landwirte ihre Butter. Im Krieg sei es zerstört worden und nun stehe an der Stelle ein potthässlicher Nachkriegsbau. Dass Braunschweig einst eine wohlhabende Hansestadt war und man noch heute im Stadtbild viel vom alten Glanz entdecken kann, solche Fakten hingegen verschweige er. Und auch dass nur wenige Meter hinter dem Geburtshaus der wunderschöne Gauß-Park liegt. »Der mit der Gauß-Statue, wo dein Blick ganz glasig wurde.«

Die Nachbarin, das musste sich F. eingestehen, hatte recht. Braunschweig war schön. Und er ein Ignorant gewesen. Besonders die letzte Woche hatte es gut mit ihm gemeint. Er hatte nicht mehr ständig in seiner kleinen Kammer gehockt wie einst Spitzwegs armer Poet und »Berlin – Die Sinfonie der Großstadt« geschaut, sondern er war ausgegangen. Er hatte Menschen kennengelernt. Am nächsten Tag traf er sie zufällig auf der Straße wieder. Sie winkten ihm fröhlich zu.

»Wenn das so ist«, dachte F., »dann will ich hier nicht weg!«

Doch dafür war es zu spät. In der vorletzten Woche hatte F. sein Zimmer gekündigt und den Umzug nach Berlin in die Wege geleitet. Gefragt, warum er nach nur vier Monaten das Handtuch schmeiße, antwortete F. mit der geschmacklosen Gegenfrage: »Was will ich in der Stadt, die Hitler die deutsche Staatsbürgerschaft geschenkt hat?« Stattdessen zog er in die Stadt zurück, in der Hitler den Mord an sechs Millionen Juden organisiert hatte. Mit Hitler zu argumentieren, das ging fast immer schief.

F. überlegte, ob er der Tatsache, dass er ausgerechnet jetzt in den Moloch Berlin zurück musste, wo seine Liebe zur Oker-Metropole entfacht war, irgendetwas Positives abgewinnen konnte. Da entsann er sich einer Stellenausschreibung, die ihm seine Nachbarin im Scherz weitergeleitet hatte: Die »Vertretung des Landes Niedersachsen beim Bund« sucht einen Pressesprecher für das Referat Braunschweig. »Das passt!« dachte sich F. und öffnete mit Tränen in den Augen die Ofentür: frisch gebackene Braunies – schweigend würde er sie unter seinen Kolleginnen verteilen, sie würden ihn groß anschauen und er endlich mit der Sprache herausrücken: »Ich gehe. Es war eine wunderbare Zeit mit Euch. Danke – und tschüss.« (Und vielleicht würde man ihm mit einer Variation einer bekannten Braunschweiger Plakatwerbung antworten.)