BS #9: Gauß

F., der ein Faible für Mathematik hatte, hielt Carl Friedrich Gauß für einen der ganz Großen. Eine nicht sonderlich exklusive Meinung, wenn man bedenkt, dass in der alten Bundesrepublik kaum jemand ohne Carl Friedrich je das Haus verließ. Sein Konterfei zierte den 10-DM-Schein.

»Der war safe nicht auf dm, Digga! Auf Kasse 10, oder was? Digga, geh zu Rossmann!«

Ausnahmsweise irrt die Jugend hier. Ganz anders die Stadtoberen Braunschweigs: Sie wussten um die Bedeutung des Fürsten der Mathematiker, dem Kind ihrer Stadt. Nachdem sein Geburtshaus im Krieg zerstört worden war, überlegten sie, wie sie seinem Andenken gerecht werden konnten, und trafen die ehrenwerte Entscheidung, auf den Ruinen der Wilhelmstraße 30 ein Studentenwohnheim zu errichten (»Digga, das heißt Studierendenwohnheim!«), auf dass Generationen von jungen Menschen hier durch den Geist Seiner Mathematischen Durchlaucht Erleuchtung zuteilwerden würde.

Um dieses hehre Ziel zu erreichen – das war allen Beteiligten klar –, musste der Bau selbst etwas Besonderes werden. Und so rief die stolze Stadt an der Oker einen Wettbewerb aus, der die renommiertesten Architekten dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs an die Zeichentische trieb. Am Ende wurden über einhundertfünfzig Entwürfe eingereicht. Allesamt Spitzenarchitektur. Die Jury hatte die Qual der Wahl – und sie leistete hervorragende Arbeit, indem sie unter den hochkarätigen Ideen die hochkarätigste kürte.

In zeitloser Eleganz ist die Wilhelmstraße 30 heute Pilgerstätte für Mathematik- und Architekturbegeisterte gleichermaßen.

Wilhelmstraße 30

Wilhelmstraße 30