BS #7: Furzmolle

Als seine ostwestfälische Kollegin ihn am Montagmorgen mit den Worten »Ordinär? Dein Ernst jetzt?« begrüßte, wurde F. klar, dass er ihren Dialekt wohl gegenüber ein paar Leuten zu viel kommentiert hatte. Die Kollegin musste Wind davon bekommen haben. Doch bereits in der Mittagspause schien ihr Groll verflogen. Munter erzählte sie von ihrem Wochenende und wie sie am Sonntag bereits um neun Uhr todmüde »in die Furzmolle gefallen« sei.

F. war zunächst baff: Wie konnte jemand, der sein Bett »Furzmolle« schimpfte, erstaunt darüber sein, dass man seine Sprache als ordinär bezeichnete? Dann fiel ihm ein: Braunschweig war schuld. Dieser Satz – der in den zurückliegenden Wochen einige seiner Fragen beantwortet hatte – brachte seine Recherche zur Stadtgeschichte auf den Punkt. Etwas ausführlicher las sie sich so:

Die im Südosten Niedersachsens gelegene Kleinstadt Braunschweig hatte sich im Jahr 2005 als vollkommen unzurechnungsfähig entlarvt, als sie sich mit drei weiteren Kleinstädten zusammengetan und sich den Titel »Metropolregion« verliehen hatte. Auf die Bürgerinnen und Bürger schien diese pathologische Identitätsstörung keinerlei Auswirkungen zu haben. Sie taten, was sie immer getan hatten: Sie schliefen, sie aßen, sie arbeiteten, sie tranken Wolters Premium. Es war ein gutes Leben hier draußen vor den Toren der Schachtanlage Asse. Doch allmählich vergiftete der Slogan »Metropolregion« ihr Denken und Fühlen. Die Menschen fingen an, ihre Stadt »Oker-Metropole« zu nennen. Natürlich mit einem Augenzwinkern, denn wie sonst ließen sich der Name eines Rinnsals und das gigantische Wort »Metropole« zusammenfügen. Da jedoch Augenzwinkern und lange Wörter ermüden, verzichtete man schon bald auf die Oker und spricht heutzutage in Braunschweig nur noch von »der Metropole«.

Nachdem F. dies herausgefunden hatte, fiel ihm auf, dass man in der Metropole auch andere Dinge ins Gegenteil verkehrte. Zum Beispiel die Sache mit dem See: Von mehreren Seiten wurde F. ein Ausflug zum Baggersee am Stadtrand ans Herz gelegt. Obwohl er auf Seen im Allgemeinen nicht viel gab, war F. neugierig geworden. An einem warmen Sonntagnachmittag machte er sich auf den Weg. Nach sieben Minuten mit dem Fahrrad hatte er die Stadtgrenze erreicht und der See lag vor ihm. Sanfte Wellen kräuselten die Oberfläche des azurblauen Wassers, ein weißes Segelboot zog seine Kreise, Rohrdommeln vögelten im satten Röhricht. Es war ein Idyll … sofern man in der glücklichen Lage war, das Hörgerät ausschalten zu können. Allen anderen blieb der Lärm der Autobahn, die den See an einer seiner Längsseiten begrenzte.

Die Braunschweiger liebten ihren Baggersee. Sie nannten ihn »Südsee«. F. war sprachlos. Ein Freund war neulich auf Tahiti gewesen. Die Fotos, die er gezeigt hatte, das war die Südsee. Nicht so ein Überlaufbecken parallel zur A39. Aber so war es nun einmal in Braunschweig: Die muntere Gegenteil-Behaupterei kannte keine Tabus.

Es ging sogar so weit, dass zugezogene Ostwestfälinnen behaupteten, kultiviertes Hochdeutsch zu sprechen. Das – da war sich F. mittlerweile sicher – war kein genuin ostwestfälisches Verhalten, sondern: Braunschweig war schuld.