BS #6: Dein Ernst jetzt?

Die Liebe der West-Berliner zu West-Berlin war groß. Aber nie so groß, dass sie auf den Bindestrich verzichtet hätten. West und Ost, mahnte der Strich, nur gemeinsam sei man Berlin.

Westdeutschland hingegen schrieb man zusammen. Denn Westdeutschland war eins. Und Westdeutschland war anders – vor allem ganz woanders. Irgendwo hinter Helmstedt und dem Brückenrasthaus Frankenwald.

So homogen dieses Westdeutschland den West-Berlinern erschien, sie wussten es dennoch in drei Regionen zu unterteilen: Süddeutschland, Westfalen und Nordsee. Einige vermochten, Süddeutschland weiter zu verfeinern, in Bayern und Schwaben. Und denen, die für Geografie brannten, war bewusst, dass man auch Westfalen noch zerstückeln konnte; neben Nordrhein- und Südrhein-Westfalen lag das Oxymoron unter den deutschen Ländern: Ost-West-Falen.

Irgendwann hatte »Ostwestfalen« seinen Weg in F.s aktiven Wortschatz gefunden. Echte Ostwestfalen waren dem alten West-Berliner Schlaumeier indes noch nie begegnet. Das sollte sich in Braunschweig ändern. Hier, im melting pot westdeutscher Kulturen, lernte F. seine erste Ostwestfälin kennen. Eine Kollegin.

Wenn F. ihr etwas sagte, pflegte sie zu antworten: »Dein Ernst jetzt?« Zunächst verunsicherte ihn diese ständige Skepsis, bis er begriff, dass ihr »Dein Ernst jetzt?« seinem »Hmm« entsprach, wenn die Lehrerinnen unter seinen Freunden von ihrer Arbeit erzählten. »Aktives Zuhören« nannte F. diese Methode. Man schien sie auch in Ostwestfalen zu kennen.

Seit dieser Erkenntnis hatte sich das Verhältnis zwischen F. und seiner Kollegin entspannt. Nun fragte er nach, wenn sie sich mal wieder ihres ostwestfälischen Vokabulars bediente. »Den ganzen Sonntag im Pölter verbracht.« oder »Voll reingelüllert.« Es gab nichts, das sich nicht klären ließ.

Und weil das Ostwestfälische etwas Ordinäres hatte, fand F. Gefallen an dieser umlautreichen Sprache. Sein Ernst jetzt!