BS #5: Das Schloss

Als Antwort auf die Frage, wie ihm der neue Job gefalle, hatte sich F. den folgenden Satz zurechtgelegt: »Ich mag das Wort nicht, aber hier trifft es zu: kafkaesk.« Zu seiner Enttäuschung hakte nie jemand nach. Denn auch dann wäre F. vorbereitet gewesen:

»Du guckst so. Kennst du nicht Kafka?«
»Der von MTV?«
»Genau. Und der hat ein Buch geschrieben, Das Schloss, wo er genau beschreibt, wie es auf meiner Arbeit zugeht. Musste unbedingt lesen.«
»So sehr interessiert’s mich nicht. Erzähl doch einfach mal was.«

Daraufhin würde F. ein paar Fußnoten seiner büroalltäglichen Belanglosigkeiten zum Besten geben (die zwar ganz und gar nichts Kafkaeskes hatten, aber F. wollte schließlich nicht spoilern). Zum Beispiel dass die Mittagspausen auf Arbeit niemals richtig heiter wurden, weil die Esstische direkt vor der Steintafel standen mit den Namen der im Krieg gefallenen Kollegen. Oder dass es im Erdgeschoss einen funktionstüchtigen, befüllten Zigarettenautomaten gab. Mit Sicherheit wäre F. auch der Zettel in der Teeküche eingefallen: »Die Whiskey-Gläser der Marke Luminarc bitte zurück in den Konferenzraum bringen!«

Einmal in Fahrt gekommen, würde F. freimütig zugeben, neulich im Flur beinahe der Azubine hinterhergepfiffen zu haben. »Ja, das ist scheiße, ich weiß. Aber die Atmosphäre im Büro ist so dermaßen letztes Jahrhundert, da fühlt man sich gleich 25 Jahre älter.«

»Obwohl man sich eigentlich jünger fühlen müsste, wenn man in der Zeit zurückreist, oder?«

Froh, dass seine Zuhörer noch bei ihm waren, antwortete F.: »Kann gut sein. Das ist eh voll komisch, die Kollegen kommen alle auf mein Alter nicht klar. Neulich hat mich einer auf Mitte 20 bis Mitte 40 geschätzt. Bei mir kann man das schwer sagen, hat er gesagt.«

Und schließlich würde F. beichten, neulich fast geweint zu haben. Vorausgegangen war die unangebrachte Frage der Kollegin nach – natürlich – seinem Alter. Was soll‘s?, hatte er sich gedacht und die Katze aus dem Sack gelassen. »Wow! Dich hätte ich vieeel jünger eingeschätzt«, hatte die Kollegin ihm geschmeichelt. Und dann der Schlag ins Gesicht: »Von deiner Vita her.«