BS #4: Falafel

»N.! Endlich!«
»Was gibt’s denn so Dringendes? Ich habe gesehen, Du hast fünfmal versucht, mich zu erreichen. Ich war bis eben in Meetings.«
»N., weißt du was? Ich habe … einen Falafel entdeckt!«
»Du hast was?«
»Ich habe einen Falafel entdeckt. Einen Imbiss. Die machen richtig gute Falafel. Richtig, richtig lecker. Wenn du nächste Woche in Braunschweig bist, müssen wir da unbedingt hin.«

N. war sprachlos. Ihr Mann rief sie an, weil er einen Falafel-Laden entdeckt hatte? In Berlin gab es hunderte. Neulich hatte der rot-rot-grüne Senat auf Anfrage der AfD-Fraktion erstmals Zahlen vorgelegt: Täglich (mit Ausnahme der Weihnachtsfeiertage) werden in der Hauptstadt knapp über eine Million Kichererbsenbällchen frittiert. Tendenz steigend. Und F. hatte nichts Besseres zu tun, als wegen eines einzigen Falafel-Stands in Braunschweig den ganzen Nachmittag über N.s Nummer zu wählen.

»Ist nicht nur ein Stand! Da kann man auch sitzen drinnen. Und laut Google Maps gibt es in Braunschweig noch zwei weitere.«

N. begann sich zu sorgen. Erst vor fünf Wochen hatte F. Berlin verlassen. War sein Heimweh schon jetzt so groß, dass ein Falafel-Imbiss derartige Begeisterungsstürme bei ihm auslöste? Was kam als nächstes? »N.! Um die Ecke habe ich einen Edeka. Der hat bis 22 Uhr auf. Auch samstags!« oder »N.! Die verkaufen hier Mate!« (Hyperventilier.)

Nichts dergleichen. Stattdessen versuchte F., seine missverstandene Euphorie zu erklären:

»Ich liebe Braunschweig.«
»Weil die Falafel besser sind als in Berlin?«
»Besser vielleicht nicht. Aber es ist wie mit den Israelis und dem Schokopudding.«
»What

F. kam in Dozierlaune: »Kennst du nicht die Geschichte, warum in den letzten Jahren so viele Israelis nach Berlin gezogen sind? Im israelischen Fernsehen gab es einen Beitrag, in dem die Preise in Tel Aviv mit den Preisen in Berlin verglichen wurden. Unter anderem ein Schokopudding mit Sahne. Der kostet in Tel Aviv 2 Euro und hier bei Aldi 20 Cent. Berlin ist also zehnmal günstiger als Tel Aviv. Seit der Sendung haben tausende Israelis einen Flug nach Berlin gebucht. Oneway.«

Onway ins Puddingland. N. verstand nicht, worauf ihr Mann hinauswollte:

»Ich sehe die Parallele: In Israel gibt es Schokopudding – und in Berlin ist er billiger. In Braunschweig gibt es einen Falafel-Stand – und in Berlin gibt es tausend. Du erklärst also, warum man von Braunschweig nach Berlin ziehen sollte.«
»N., du hast die Geschichte nicht verstanden. Die Moral ist: Manchmal ist es an der Zeit, das Heilige Land zu verlassen.«
»Ja, F., und manchmal ist es an der Zeit, sich aus der Sonne zu bewegen.«