BS #3: Kaczyński

Die an seinem vierzehnten Arbeitstag im neuen Job an F. gerichtete Frage, ob er und sein Zimmerkollege nicht Lust hätten, bei einem privaten Tippspiel zur bevorstehenden Fußballweltmeisterschaft mitzumachen, ließ ihn jubeln: »Ich bin aufgenommen! Ich werde in dieser Stadt Freunde haben!«

Doch dann kamen die Erinnerungen an die letzte Nacht hoch. F. hatte geträumt, der Drillingsbruder von Jarosław und Lech zu sein. Bei der Geburt war er von den beiden getrennt und zu Berliner Pflegeeltern gebracht worden. Niemand kannte seine wahre Abstammung – bis ihm eines Tages ein Dokument in die Hände gespielt wurde, das eindeutig bewies, dass er, F., der dritte Kaczyński war.

Der Traum wirkte so nachhaltig, dass F. als patriotischer Pole keine andere Wahl hatte, als zu antworten, er werde am Tippspiel nicht teilnehmen, da er die WM und alles mit ihr im Zusammenhang Stehende und überhaupt ganz Russland boykottiere.

Zu seiner Freude tat sein Kollege es ihm gleich und lehnte die Einladung zum Tippspiel ebenfalls ab. »Bist du auch gegen Russland?« fragte F. neugierig. Seine Hoffnung, einen Gleichgesinnten gefunden zu haben, währte jedoch nur kurz. Der Kollege zählte auf: »Ich bin in Russland geboren, mit meinen Eltern spreche ich Russisch, ich liebe Russland. Aber ich hasse Fußball.«

Oha! Das mit den Freunden im Kollegenkreis konnte sich F. also aus dem Kopf schlagen. Aber hängenlassen musste er ihn deswegen noch lange nicht. Schließlich gab es Braunschweigerinnen und -schweiger auch außerhalb des Büros. Gleich heute Abend, am Ende dieses fatalen vierzehnten Arbeitstages, würde F. sich unter die Feiernden mischen. Besonders interessierte ihn die im Stadtmagazin angekündigte Party anlässlich der Gründung eines Kassetten-Labels.

Als F. das kleine Atelier im Ortsteil Gliesmarode (westlich von Volkmarode) betrat, war es mit gut zwanzig Menschen bereits gut gefüllt. Ein Schweißgeruch schlug ihm entgegen, den dezent zu nennen, maßlos untertrieben gewesen wäre. »Das Konzept des Duschens scheint den Niedersachsen unbekannt.« F. hatte diesen Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, da schämte er sich bereits. Was war er doch für ein verklemmter alter Mann. Diese jungen, in Wohngemeinschaften lebenden Menschen vergeudeten ihre Zeit halt nicht mit gesellschaftlich aufgezwungenen Übungen wie dem Duschen, sondern widmeten sich der Schöpfung wahrer Dinge, wie zum Beispiel der eines Kassetten-Labels. Ganz nebenbei drehten sie dabei am Rad der Geschichte, der Tonträgergeschichte: vom Vinyl zur Kassette zur CD zu MP3 zum Streamen zum Vinyl und – Braunschweig sei Dank – wieder zur Kassette.

Heute die Label-Gründung, morgen plastikfreie Weltmeere. Diese Boys und Girls konnten, wenn sie nur wollten, alles schaffen. Mit einem Wolters-Pils in der Hand stand F. neidzerfressen in der Ecke und fragte sich, was er im Leben noch groß erreichen könne. Gut, in ein paar Jahren würde er vermutlich Staats- oder Ministerpräsident Polens werden. Aber das war’s auch schon. Trübe Aussichten.

An diesem Abend fasste F. den Vorsatz, maximal einmal pro Woche zu duschen.