BS #2: Einwohnermeldeamt

Nun war er also in Braunschweig.

Eine Wohnung hatte F. problemlos gefunden. Sie lag im Stadtteil »Westliches Ringgebiet«. Auch die Suche nach einer Arbeit war erfolgreich verlaufen. Standort seines neuen Büros: »Östliches Ringgebiet«. Gewiss, ein Name wie »Volkmarode« (den F. an einer Straßenbahn erblickt hatte) hätte mehr hergemacht – aber auch deutlich weniger Orientierungshilfe geboten. F. war froh, dass ihm seine Bezirksnamen den Weg wiesen: morgens von Westen nach Osten, nachmittags von Osten nach Westen, und dabei jeweils mitten durch die Innenstadt. Leicht zu merken.

Es stellte sich heraus, dass F. mit dem Fahrrad nicht mehr als 12 Minuten für eine Strecke benötigte. So bekam er eine erste Vorstellung von der Größe Braunschweigs. In Gedanken setzte er das Wort »Größe« in Anführungszeichen.

Um seine 12 Minuten besser einschätzen zu können, nahm F. sich vor, an seinem ersten Arbeitstag die neuen Kolleginnen und Kollegen nach deren Anfahrtszeiten zu fragen. Gleich der erste gab eine hilfreiche Antwort. Er wohne etwas außerhalb in einer schönen, ruhigen Gegend und habe eine super Wohnung, leider jedoch einen langen Weg zur Arbeit. Was »lang« denn bedeute, wollte F. wissen und bekam zu hören: »Mindestens 20 Minuten mit dem Fahrrad!« Er tat betroffen: »Oha! Das ist echt viel. Dann wohnst du sicherlich in Volkmarode.«

Den verdutzten Blick des Kollegen wahrnehmend beeilte sich F., das Gespräch wieder in sichere Bahnen zu lenken. »Apropos Zeiten. Weißt du, wie lange man beim Bürgeramt warten muss, um sich umzumelden?« Der Blick des Kollegen bekam etwas Triumphierendes: »Beim Einwohnermeldeamt meinst Du? Das ist krass. Da musst du echt Zeit mitbringen. Ein Freund von mir hat neulich über eine Stunde gewartet!« F. gelang es, sich zu beherrschen und nicht loszuprusten. Auch verkniff er sich die Bemerkung, dass man in Berlin nicht eine Stunde, sondern einen Monat auf einen Termin warten musste. Er wollte dem Kollegen nicht gleich am ersten Tag die Butter vom Brot nehmen. Stattdessen gab er zum zweiten Mal sein erstauntes und zugleich anerkennendes »Oha!« zum Besten.

Nun wollte F. es wissen. Und so verabschiedete er sich am nächsten Tag um 12 Uhr in die Mittagspause mit den Worten »Ich geh mich ummelden; du weißt ja, das kann ewig dauern« und radelte zum Einwohnermeldeamt. Dort angekommen zog F. eine Wartemarke, setzte sich, holte ein Buch aus dem Rucksack – als ein Gong ertönte und auf der Anzeigetafel seine Nummer erschien. Er rieb sich ungläubig die Augen. Die Nummer war immer noch da. Er stopfte das Buch zurück in den Rucksack, stand auf und eilte zum angegebenen Arbeitsplatz, wo ihn eine Mitarbeiterin des Einwohnermeldeamts freundlich begrüßte. Freundlich! F. war vollkommen perplex. Er tat wie ihm geheißen und schenkte der Dame zwei Autogramme. Im Gegenzug drückte sie ihm ein DIN-A4-Blatt in die Hand. »Das war’s auch schon. Willkommen in Braunschweig!«

Beim Verlassen des Gebäudes fiel sein Blick auf ein neben der Eingangstür angebrachtes Schild: »Metropolregion Hannover-Braunschweig-Göttingen-Wolfsburg«. Es handelte sich ganz offensichtlich um einen Scherz. »Zwölf Minuten zur Arbeit, fünf Minuten beim Bürgeramt, und sich dann Metropole nennen. Mein lieber Freund Braunschweig, hier passt was nicht zusammen.«

Immerhin, er hatte Freund gesagt.