BS #1: Leipzig kann jeder

»Nach Braunschweig?« David sah ihn mit unverhohlener Skepsis an: »BS wie Braunschweig und BS wie Bullshit. Glaubst du, das ist Zufall?« Darauf wusste F. keine Antwort. Es war ihm noch nie leicht gefallen, rhetorische Fragen zu kontern. Diesmal brachte er es lediglich zu einem »Wir werden sehen.« Eine Antwort, die David so nicht gelten ließ: »Wieso wir? Ich werde garantiert nicht nach Braunschweig ziehen!«

Was war passiert? Vor einigen Monaten hatte die Sehnsucht nach dem unbeschwerten Leben in deutschen Kleinstädten von F. Besitz ergriffen. In seiner Vorstellung musste das Wissen, dass nichts von dem, was in der Provinz passiert, von irgendeiner Relevanz ist, wie Johanniskraut auf ihre Bewohner wirken. Ob die Stadtwerke den Preis für Abwasser erhöhen, ob im hiesigen Gymnasium der Tag der offenen Tür bevorsteht, ob in der Fußgängerzone eine Primark-Filiale eröffnet – so what?! Nichts davon ist wichtig, nichts davon regt auf.

Geschehen diese Dinge hingegen in Berlin, können sie Erdbeben auslösen. Die damit einhergehende Verantwortung trägt man als Berliner in der Regel gern. Man ist es schließlich nicht anderes gewohnt. Doch hin und wieder gibt es Phasen, in denen man glaubt, von der gigantischen Wichtigkeit der eigenen Stadt und der eigenen Person erdrückt zu werden. In solchen Zeiten wünscht man sich weg. Aber wohin? Etwas Neues wäre nicht schlecht, dachte F.

Er ging geometrisch vor: Im guten alten Diercke Weltatlas zog er eine imaginäre Verbindungslinie zwischen seinen deutschen Lieblingsstädten Münster und Berlin, halbierte diese Strecke und landete bei: Braunschweig. Dass der Name klingt wie die Kurzzusammenfassung des Nationalsozialismus, schreckte F. zunächst ab. Doch dann sagte er sich: »Leipzig kann jeder. Ich kann Braunschweig!«

Und so stand seine Entscheidung fest: Ab dem 1. Mai Braunschweig. Vorerst für immer.