Winter

Ende Februar war es richtig kalt geworden in Berlin. Als F. am Samstagabend vor dem Kino auf seine Frau wartete und bitterlich fror, entsann er sich einer Anekdote, die ihm ein Freund neulich erzählt hatte. Sie handelte von dem Versuch, sich eine neue, eine seriöse E-Mail-Adresse zuzulegen. Nach seiner Wunschadresse gefragt, gab der Freund – wie man es halt so macht – nach und nach alle erdenklichen Kombinationen aus Vor- und Nachname ein: Vorname Punkt Nachname, Vorname Minus Nachname, Vorname Unterstrich Nachname, beide zusammengeschrieben, vertauscht, abgekürzt – alle Varianten waren bereits vergeben. Er war kurz davor frustriert den Browser zu schließen, als sein Blick auf eine kurze Liste mit Adressen fiel, die noch verfügbar waren und die ihm der Anbieter vorschlug. An oberster Stelle stand: winter45@web.de. F.s Freund hatte den wohlklingenden Familiennamen »Winter«. Das erklärte den ersten Teil der Adresse. Aber warum 45? Nichts, was er an persönlichen Daten eingegeben hatte, weder sein Geburtsdatum, noch seine Hausnummer oder Postleitzahl, enthielt die Ziffernfolge 45.

»Weißt du, F., wie ich mir das erkläre?«
»Hat es was mit Hitler zu tun?«
»Fast. Ich glaube, der Algorithmus wollte mir was Krasses bieten. Und war nicht der Winter 45 so richtig heftig?«
»Das war der Winter 46/47.«
»Und 45 war nicht hart?«
»Ne, da ging’s allen Leuten prima. – Natürlich war 45 hart!«
»Dann ist gut. Ich find nämlich schon wichtig, dass Web.de mich für’n krassen Winter hält.«

Was ich doch für geschmacklose Freunde habe, dachte F.