Berlinale

Jedes Jahr im Berlinale-Monat Februar musste F. an Bilbo Beutlin denken, wie dieser zu seinem 111. Geburtstag genau 111 Gäste geladen hatte. Wenn F. versuchte, an den 11 Festspieltagen nicht weniger und nicht mehr als 11 Filme zu sehen, machte er sich damit zum Berlinale-Bilbo? Alles für die Zahl oder um ein wenig angeben zu können?

Was auch immer der Grund für seinen 11-Fetisch war, F. vermochte stets jedem einzelnen der Filme die volle Aufmerksamkeit zu schenken. Er liebte es, in popcornbefreiter Zone zu erleben, wie sich die Kurzbeschreibungen des Programmhefts in etwas Konkretes verwandelten. »Maria und Hannah leben nach dem Tod der Mutter alleine mit ihrem Vater. Als Valentin im Betrieb der Familie zu arbeiten beginnt, verliebt sich Maria in ihn. Ein dunkles Geheimnis verhindert, dass Maria ihrer Liebe nachgeben kann.« Nicht selten waren die Beschreibungen selbst dunkle Geheimnisse. Diese zu lüften, aus diesem Grund ging F. zur Berlinale.

Was ihn weiterhin faszinierte, war die Suche nach dem einen Thema. Er war überzeugt, Festivaldirektor Dieter Kosslick würde alle 400 Filme eines Jahrgangs nach einem einzigen Kriterium hin auswählen. In diesem Jahr war sich F. sicher, das Thema bereits nach drei Vorstellungen gefunden zu haben. Zu viel Koks: Nena kotzt. Zu viel Erwartungsdruck: Charlie kotzt. Zu viel Fremde: Mina kotzt.

Es waren jeweils kurze, vielleicht unwesentliche Szenen, aber Kotzen ist Kotzen, stellte F. begeistert fest. Die Freude, das Rätsel gelöst zu haben, währte jedoch nur kurz. Denn würde F. das Kotz-Geheimnis lüften, wäre ein geschmackloser Spitzname für Herrn Kosslick unabwendbar. Diese Schuld wollte F. nicht auf sich ziehen. Entsprechend erleichtert war er, als er auf der Leinwand sah, wie die nächsten drei Filme seine These widerlegten.

Es dauerte indes nicht lange, da hatte F. eine neue Lösung parat. Was gegen sie sprach, war einzig die Tatsache, dass sie bereits die Lösung im Vorjahr, im Vorvorjahr und eigentlich in allen zurückliegenden Jahren gewesen war, nämlich: Brüste. Ob Drama oder Komödie, ob chilenischer Liebesfilm oder rumänischer Mystery-Thriller, Brüste gab es immer zu sehen. Brüste von Frauen, versteht sich. Unbekleidete Männer waren hingegen die Ausnahme. Sie too nackt zu zeigen, könnte Dieter Kosslicks Thema fürs kommende Jahr werden. F. machte sich eine Notiz, es ihm bei Gelegenheit zu sagen.